Ein schlechter Mensch

„Hallo Ludwig, bist ja auch mal wieder hier! Wie gehts dir?“
Am Ufer des Sees sitzt ein d├╝nner alter Mann mit einem Strohhut auf dem Kopf. In seinem Nacken kann man ein paar fusslige wei├če Haare erkennen, wenn man genau hinsieht. Der Hut ist mindestens so alt wie der Mann und auch genauso faltig und ausgefranst. Wobei man nicht genau bestimmen kann, wie alt der Mann wohl sein wird. Das sonnengegerbte Gesicht mit den vielen Falten und Narben steht etwas im Widerspruch zu den flinken Augen, die hellwach und fast jugendlich ├╝ber das Wasser huschen und jede Bewegung zu registrieren scheinen.

„Danke, danke! Schlechten Menschen jehts immer jut! Wei├čte doch!“
Ludwigs Stimme ist heiser und leise. Kaum zu verstehen, als der Wind durch die dichten hohen Schilfhalme streift, die ├╝ppig links und rechts neben der beliebten Anlegestelle wachsen.
Aber man kennt die Antwort von Ludwig schon. An vielen Tagen hat man sie geh├Ârt und sich dann neben den alten Mann gesetzt, eine Zigarette gedreht und gewartet. Er sitzt da am Anleger im Schneidersitz, seine Hemds├Ąrmel sind bis zu den Ellbogen hochgekrempelt und man kann auf der ledrigen Haut seiner Unterarme verblasste T├Ątowierungen erkennen. Keine Kunstwerke, eher so kleine Strichzeichnungen. Das dort k├Ânnte ein Anker sein. Etwas weiter oben vielleicht ein Name. Darunter ein Steuerrad. Ludwig muss fr├╝her ein drahtiger, sogar kr├Ąftiger Kerl gewesen sein. Nicht ├╝berm├Ą├čig muskul├Âs, aber einer, der anpacken konnte und schwere Arbeit gewohnt war.

Irgendwann f├Ąngt Ludwig an zu erz├Ąhlen. Man muss nur Geduld haben. Und gute Ohren. Es ist, als w├╝rde er f├╝r sich selbst erz├Ąhlen. Als w├╝rde er sich einfach an vergangene Zeiten erinnern.

Ludwig erz├Ąhlt von seiner Gro├čmutter, die ihn aufgezogen hat, als erst sein Vater an der Front und dann noch seine Mutter sp├Ąter zum Ende des zweiten Weltkrieg ums Leben kamen. Dass seine Gro├čmutter als ├ťberlebende zweier Weltkriege versucht hat, aus ihrem Luddi einen anst├Ąndigen Jungen zu machen. Dass das aber nicht ging, weil der Luddi ein Hitzkopf war und sich ungern reinreden lie├č. Nicht von der Gro├čmutter, nicht von den Lehrern und sp├Ąter auch nicht vom Staat.
Wie er den Absprung „verpennt“ hat, wie er es nennt. Und das gleich zwei Mal.

Das erste Mal im August ’61.
Da war er mit Freunden auf diesem See unterwegs. Angeln und das Leben leben. Es gab nicht viel damals, aber ihm hat es gereicht. Es gab Freunde und Fische und am Abend auch einen guten Schluck vom Selbstgebrannten. Der hatte es in sich. So sehr, dass er ein ganzes Wochenende verschlafen hat.
Und auf einmal sa├č er in einem Staat fest, der eigentlich nicht seiner war. Wo er doch so schon Probleme mit Autorit├Ąten hatte. Er sollte sich einordnen, f├╝r das „Gro├če und Ganze“ funktionieren. Er sollte folgsam und gef├╝gig sein.┬á Aber das ging nicht. Ging nicht, weil Ludwig so schnell zornig wurde. Als der Brigadeleiter allen den Urlaub gestrichen hatte, weil der Plan zu erf├╝llen sei. „Schei├č Plan, ohne Material. Kannst ja aus Suppe keen Schnitzel nich machen!“ Da schmiss er den Helm hin und ist zum See gegangen. Nach zwei Tagen haben ihn dann Kollegen besucht. Wegen seiner Staatsb├╝rgerpflicht. Und zum Wohle der Allgemeinheit. Er, der Ludwig, k├Ânne sich nicht rausnehmen, da das Interesse der gesamten Republik eben schwerer wiegt.
„Auch nur ’ne Form von Diktatur, ihr Penner. Macht euren Schei├č alleine, ick mach meinen!“ soll er gesagt und sich dann auch so verhalten haben.
Er war kein Krimineller. Andere h├Ątten nur f├╝r blaue Fliesen gearbeitet, Ludwig nicht. Er konnte auch so helfen, wenn es ihm m├Âglich war. Aber er sagte auch nicht nein, wenn ihm einer blaue Fliesen gab.

Sein Freundeskreis blieb klein. Ludwig war nicht der gesellige Typ. Er hatte lieber seine Ruhe. Angeln am See, ├╝ber das Wasser blicken und ab und an mal einen Schluck. Ludwig brauchte nicht viel.

Und dann fehlte ├╝ber die Jahre immer mehr Material im Betrieb. Es gab Ger├╝chte und auch laute Vermutungen. Als eines Tages auch sein Name fiel, wurde Ludwig wieder zornig. „In dem Schei├čladen jibs einfach n├╝scht! Euer janzet System is ein riesiger Haufen Entenschei├če! Wenn ick ne lange Leiter finde, mach ick r├╝ber!“ soll er gesagt haben. Und dann hat er randaliert. Am Ende gab es im Betrieb viele Scherben und auch ein paar geschwollene Lippen. Vielleicht hatte der Hitzkopf Ludwig seinem Brigadier auch ein paar Worte an den Kopf geworfen, die nicht zum Wohl des Volkes und der Republik gemeint waren.
Da kamen ihn andere M├Ąnner besuchen. Die waren sehr ernst und haben viele Fragen gestellt. Vor allem ging es ihnen um seine Gesinnung und seine Einstellung zum System. Und da Ludwig so schnell zornig wurde, waren seine Antworten wohl nicht im Sinne der Besucher. Er war auf einmal ein Diversant und er durfte unfreiwillig 2 Jahre direkt an seinem See sein. Allerdings konnte er den nur riechen.
In dieser Zeit starb auch seine Gro├čmutter. Ludwig hatte man nicht informiert.

Als er zur├╝ck in die Gesellschaft kam, hatte er nichts mehr. Ludwig war ein Unbequemer. Ihm wurde zugewiesen und eingeteilt.
Er wurde vorsichtig, sagte aber weiterhin seine Meinung. Versuchte, sich so gut es ging aus Schwierigkeiten heraus zu halten. „Ick bin keen Politischer. Sollnse machen, so lange sie mich in Ruhe lassen…“, das war Ludwigs Devise.

Das funktionierte bis zum Januar ’88.
Im Sommer davor lernte er B├Ąrbel kennen. Die hatte viele Freunde und die hatten viele Ideen. Und sie wollten was ver├Ąndern. Das System und ├╝berhaupt. Etwas Gro├čes w├╝rde sich da anbahnen. B├Ąrbel sprach viel von Freiheit, sowohl von der in der Meinung als auch von der physischen. Und sie fand Ludwigs Augen so sch├Ân.
„Wie das Nordlicht,“ hatte sie ihm gesagt und „du darfst deinen Zorn nicht runterschlucken. Wer sich nicht bewegt, sp├╝rt die Fesseln nicht!“ Und sie malte ein gro├čes Schild mit genau diesem Spruch.
Aber Ludwig war kein Politischer. Er wollte seine Ruhe und an seinem See angeln. Als B├Ąrbel an diesem Januarabend nicht nach Hause kam, ist er sie suchen gegangen. Erfolglos.
Deshalb klingelte er dann. „Unten bei Schreiners. Der Mann war doch ooch sone Sicherheitsnadel.“ Herr Schreiner hatte Ludwig angegrinst und gemeint, dass die Organe der Republik schon w├╝ssten, wie sie mit Landesver├Ątern umgehen. Da hat Ludwig zugehauen. Weil er doch so schnell zornig wurde. Und bekam wieder Besuch von den ernsten M├Ąnnern.
Deshalb hat er den Fall der Mauer auch verpennt. „Uns hamse ja n├╝scht gesagt. Wir warn in unseren Zellen und irgendwann konnten wir jehn. Einfach so. Da war schon Westen.“

Mit B├Ąrbel hat er sich nicht noch einmal getroffen. Sie hatte ihm noch einige Postkarten geschrieben, irgendwann aber aufgegeben.
„Is mir zu uffregend. Ick wollte doch nur meine Ruhe.“ sagt Ludwig.

Mit seinen flinken Augen schaut Ludwig ├╝bers Wasser. Sein gegerbtes Gesicht strahlt Ruhe aus. Er wirkt zufrieden, so wie er hier sitzt.
Mir sitzt ein Klo├č im Hals. Ich wei├č nicht, ob mir der alte Mann leid tut. ├ťber die Zeiten in der Haft erz├Ąhlt er nichts. Auch nicht, ob es andere Frauen in seinem Leben gab. Aber Ludwigs Gesicht erz├Ąhlt seine Geschichte weiter.

Nein, Ludwig, du bist kein schlechter Mensch. Und ausserdem geht es mir auch gut.